...in der Gartenkolonie

hatten sie eine Laube, da wurden die Blätter abgezogen. (...) in den Rüstungsbetrieben wurden die Zeitungen verteilt, sie (...) wandten sich an die Zwangsarbeiter, von denen einige ihnen beim Übersetzen halfen, (...) immer war sie kreuz und quer durch die Stadt gefahren, mit Manuskripten von Harnack, Schumacher, Kuckhoff, (...) und nachts gehörte sie zu den Zettelklebern, zu den Dahinhuschenden, die Lettern an die Wände und Zäune malten. Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands, Band 3, 1981

Foto: Emma Haugh

8. Oktober, 14–17 h

... In der Gartenkolonie

Performance und Ortbegehung mit Hans Coppi Jr, (VVN-BdA), Naomi Hennig und Lerato Shadi im Rahmen des HAU-Festivals Die Ästhetik des Widerstands. Peter Weiss 100.
 Gespräche in deutscher Sprache mit Flüsterübersetzung ins Englische

Treffpunkt 14 h:
Schwerbelastungskörper, General-Pape-Straße 34a


Zu den vielen Schauplätzen der Ästhetik des Widerstands zählt auch eine Berliner Kleingartenlaube, die als Versteck und konspirativer Treffpunkt für illegale Widerstandsaktivitäten gegen das NS-Regime dient. Undisciplinary Learning verknüpft die historischen Spuren der Gartenkolonie – von Arbeiter*innen- und Erwerbslosenselbstversorgung, antifaschistischem Widerstand und deutschem Kolonialismus – mit kritischer Wissensproduktion der Gegenwart:

Das Einzugsgebiet um den Bahnhof Südkreuz wird in dem ortsspezifischen Programm in seiner historischen Vielschichtigkeit entlang architektonischer Figurationen von Macht, Unterdrückung und Widerstand befragt. Im Zentrum der gedächtnispolitischen und künstlerischen Auseinandersetzung stehen Orte, die geteilte Erinnerungen sichtbar machen, von alltäglichen Überlebenskämpfen und von politischem wie künstlerischem Aufbegehren erzählen. Was ins Auge fällt, ist die paradox anmutende Nähe von Architekturen, in denen sich die Nation gewaltvoll monumentalisiert und in das Gedächtnis der Stadt einschreibt, umschlossen von der semipermanenten Siedlungsbauweise der Kleingartenanlagen. In den urbanen Gartenkolonien, die etwa zeitgleich zu den deutschen Kolonialbestrebungen in Afrika entstanden, sind die Geschichte und Gegenwart von Eigenanbau und Kleinfamilie, Widerstand und alternativen Gesellschaftskonzepten, Autonomie und Deutschtümelei gleichermaßen präsent.

Mit Lerato Shadis mehrstündiger, prozessualer Performance Hema: Berlin laufen am Schwerbelastungskörper in der General-Pape-Straße der Beginn und das Ende des Rundgangs zusammen. Das architektonische Relikt des NS-Regimes, welches das südliche Ende der urbanen Achse der von Hitler geplanten „Welthauptstadt Germania“ im heutigen Berlin Tempelhof markiert und konserviert, bleibt stumm zu der Frage nach den in ihm gefangenen Lebenskräften der französischen Zwangsarbeiter*innen, die 1941 an dem Bau der Vermessungsarchitektur beteiligt waren. Die südafrikanische Künstlerin Lerato Shadi verkörpert in ihrer Performance jene Widerstandstaktiken, die in dominante, eindimensionale Geschichtsnarrative intervenieren, um die Abwesenheit und das Weiterleben ungehörter Stimmen zu repräsentieren. Das Wissen um Figuren des Protests und der Unterdrückung verlagert sie aus ihrem Körper hinein in Handlungen mit fragilem und doch beständigem Atem.

In einer Ortsbegehung zu konkreten Schauplätzen der ehemaligen Gartenkolonie Papestraße, rekonstruiert die Künstlerin Naomi Hennig vergessene Geschichten in ihrer Verwobenheit mit der Berliner Stadtgeschichte. Im Dialog mit dem Historiker und Zeitzeugen Hans Coppi Jr. (Sohn des in der Ästhetik des Widerstands porträtierten Hans Coppi und Vorsitzender der VVN-BdA, einer überparteilichen antifaschistischen Organisation von Angehörigen Verfolgter des Naziregimes  und Gegner*innen von Neonazismus und Rassismus) nähert sich Naomi Hennig dem politischen und künstlerischen Wirken Kurt Schumachers. Der kommunistische Widerstandskämpfer, ebenso wie seine Frau, die Grafikerin Elisabeth Schumacher und seine Freundin, die Tänzerin und Bildhauerin Oda Schottmüller, gehörten einem Netzwerk mit über 150 Beteiligten aus unterschiedlichen Berliner Freundes- und Widerstandskreisen an. Besser bekannt ist es unter der Gestapo-Bezeichnung 'Rote Kapelle', auf die der 3. Band der Ästhetik des Widerstands Bezug nimmt. Entlang des Ortes, an dem die Wohnung und das selbst gezimmerte Atelier des Bildhauers Kurt Schumacher am Rand der Gartenkolonie stand, wird die Tour anhand ausgewählter Texte, Bilder und Erzählungen an ihre künstlerische Arbeiten, ihr Leben und Sterben erinnern. 

Die Tour führt auch zum heutigen Gedenkort Papestrasse, dem einzigen historischen Ort des frühen NS-Terrors in Berlin, in welchem sich noch Spuren aus dem Jahr 1933 finden lassen. In dem ehemaligen SA-Gefängnis wurden Hunderte Nazi-Gegner weggesperrt und misshandelt.

Das Ende der Tour führt uns schließlich zurück zu Lerato Shadis Performance am Schwerbelastungskörper.