SAUNA FÜR ARBEITSLOSE

Installation im Saunabad von Frida Klingberg

Montag, 3. Oktober, 18-21 h

Eröffnung im Saunabad, Rykestrasse 10, 10405 Berlin
Zum Saunieren bitte Badehandtücher und Badeschuhe mitbringen.

Öffnungszeiten ab 4. Oktober

Mo–Sa: 15–24 h, So: 12–24 h
Preis für 4 h Sauna: 14 Euro, Sonderpreis für 1,5 h Sauna und Besuch der Installation: 8 Euro (10x pro Tag unter vorheriger Anmeldung bis 12 Uhr des Vortages)

Foto: Emma Haugh

Sauna für Arbeitslose stellt einen Raum her für den Austausch von Arbeitslosen über ihre Erfahrungen mit den Auswirkungen der Ideologie von Arbeit auf soziale und politische Umfelder. Für die anlässlich von Undisciplinary Learning produzierte Berliner Episode des fortlaufenden Projekts stellte Klingberg im September 2016 wurden zwei Gruppen von je drei arbeitslosen Personen an, während einer gemeinsamen Saunasitzung zu schwitzen und ihr aus der Arbeitslosigkeit gesammeltes Wissen über die Gesellschaft zu teilen. Die Aufnahmen ihrer intellektuellen und körperlichen Arbeit – Gespräche sowie in Handtüchern gesammelter Schweiß –überträgt Klingberg in eine ortsspezifische Installationen, die bis zum 19. November in der Sauna zu erleben ist.
 

Exzerpt aus einem der Gespräche am 26. September 2016

E: Ich wollte Hartz 4 nicht beantragen, um keiner von den Sozialschmarotzern zu sein.

I: Hilfe annehmen ist stigmatisiert. In der Schule beginnt es, dass wir nicht um Hilfe bitten sollen, sondern alles alleine schaffen. Manche zerbrechen daran.

A: Ich bin in meinem letzten Arbeitsjahr krank geworden und es war schwer für mich, auf Arbeit zu gehen, denn du musst Powerfrau sein, superschöne Haare haben und sagen: Ja, heute mach’ ich alles. Du darfst nicht als Mensch auf Arbeit gehen, sondern du musst als Avatar deiner selbst deinen Arbeitsplatz betreten. Mit der Arbeitslosigkeit hatte ich zum ersten Mal eine Auszeit und habe gelernt, dass dieses ganze System irgendwie falsch ist. Wir brauchen diese 40-Stunden-Arbeitswoche nicht.

I: Bei mir gibt jetzt das Kind den Tagesrhythmus vor. Um halb acht beginnt der Tag, um neun sind wir in der Kita und danach beginnt für mich eine Zeit des Selbststudiums, des freien Lernens – im Internet, in Büchern und mit Menschen. Es ist auch eine Zeit, sich selbst Aufgaben zu suchen und ohne Geld Dinge zu erschaffen. Ich gehe Lebensmittel retten bei Supermärkten. Food Sharing heißt das. Ich geh auch Containern, weil ich einen Schlüssel für fünf Müllplätze habe in der Gegend und erweitere so meinen Hausstand. Das ist etwas, worin mich die Arbeitslosigkeit bereichert hat, weil ich gemerkt habe, wie wenig Konsum eigentlich nötig ist, um glücklich zu sein.

E: Ich verbringe den ganzen Tag damit, zu lernen, denn ich hab Zeit, aufmerksam zu sein. Ich gehe auch viel zu irgendwelchen Nachbar*innen, mit denen quatsche ich ein bisschen. Mehr als die Hälfte der Bewohner*innen in meinem Haus sind auch Menschen mit Schwerbehinderungen, die in der Behindertenwerkstatt gearbeitet haben. Die meisten wollen aber ihr eigenes Ding machen und das machen wir halt. Ich entrümple zum Beispiel den Müll für jemanden und kriege dafür ein Mittagessen.

A: Ich promoviere, aber unbezahlt, was mich sehr ärgert und demotiviert. Ich habe das nur für den Lebenslauf gemacht.

I: Im Lebenslauf gelten nur zwei Dinge: Arbeitszeiten und Bildungszeiten. Dass es nicht darum geht für den Lebenslauf zu leben, sondern zu leben, war für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse. In jedem Job, den ich vom Jobcenter angeboten bekomme, finde ich ethisch und moralisch Verwerfliches. Zum Beispiel, dass ressourcenverschwendend umgegangen wird. Ich möchte darin nicht mitwirken. Überall wo Profit entsteht, wird ausgebeutet.

E: Ich bin der Meinung, dass das Fairste wäre, wenn ein bedingungsloses Grundeinkommen Sachen wie Krankenversicherung und Miete sichern würde, und du dich in die Welt einbringen könntest, ohne damit Geld verdienen zu müssen.

A: Ich muss einen Job finden, denn sonst muss ich Deutschland verlassen, obwohl ich keinerlei Unterstützung beantragt habe. Und nicht irgendeinen Job, ich muss pro Jahr mindestens 38.000 Euro verdienen. Vorher habe ich für eine Firma im Auftrag der Bundesregierung gearbeitet und das war gut – bei der Ausländerbehörde, beim Bürgeramt, auch im Freundeskreis. Jetzt werde ich gefragt, was ich hier eigentlich mache.

I: Arbeit als Legitimation da sein zu dürfen.

A: Ja, ich darf nur als arbeitende oder verheiratete Frau hierbleiben. Wenn es nur eine persönliche Sache wäre, würde ich vielleicht anders darüber denken, aber es geht um Rechte und auch darum, was das für die Zukunft anderer bedeutet. Ich habe einen sehr konservativen Hintergrund verlassen und sehr gekämpft, überhaupt in Deutschland zu sein und darum, als selbständige Frau zu leben, unverheiratet, und mein eigenes Geld zu verdienen. Dass das geht, wollte ich auch anderen Frauen zeigen. Dass ich hier nach Jahren des selbstfinanzierten Studiums keinen bezahlten Job finden kann in meinem Bereich, is a blow.

A: Seit meiner Arbeitslosigkeit bin ich spiritueller geworden. Das ist eins der guten Dinge der Arbeitslosigkeit: Du fühlst dich freier. Ich bin viel einverstandener damit, wo ich bin im Universum. Hattet ihr ähnliche Erfahrungen?

I: Ich habe die Feststellung gemacht, dass erstaunliche Dinge aufsteigen, wenn die Zeit nicht ausgefüllt ist bis zum Letzten. Ich habe Talente, die überdeckt waren vom Berufsleben. Zum Beispiel liebe ich es heute, Fahrräder zu reparieren und habe festgestellt, dass den Vollzeit arbeitenden Leuten in meinem Umfeld die Zeit dazu fehlt. Das ist für mich auch eine Möglichkeit, etwas geben zu können, obwohl ich gesellschaftlich ganz unten bin.

E: Ich finde es interessant, was du sagtest, dass trotzdem man nichts zu tun hat, man was macht und Teil der Welt ist. Ich hab von vielen Leuten, die sich als festangestelltes Leistungsstück in der Leistungsgesellschaft sehen, immer nur Spott gehört.

A: Bei mir ist es komisch, dass total viele Leute in meinem Umfeld immer so überrascht reagieren, dass ich noch keinen Job habe. Vielleicht bin ich selber Schuld, aber ich will nicht im Marketing oder im Kommerz arbeiten. Dafür habe ich nicht Umwelt studiert. Dieses „Was du hast immer noch keinen Job?“ zeigt ihre Erwartungen an sich selbst und an die Gesellschaft. Es ist wie, als wäre man ewig Single.

I: Ja, ich hab letztens einen Job angefangen, aber er war nicht der Richtige für mich.

Produktion: Kordula Fritze-Srbic; Schnitt und künstlerische Assistenz: Eva Storms
Dank an alle Teilnehmer*innen und Sandra Wollgast sowie alle Mitarbeiter*innen des Saunabads

Sauna für Arbeitslose fand statt mit freundlicher Hilfe des Saunabades Rykestraße. Frida Klingberg wurde unterstützt durch IASPIS.