... über die Pflugstraße

Wenn ich am Wochenende von der Scharfenbergschule nach Hause kam und über die Pflugstraße ging, dachte ich mir jedesmal die Möglichkeit neu aufbrechender Kämpfe aus. Ich begann, zuerst instinktiv, dann unterstützt von theoretischen Einsichten, den Mechanismus zu begreifen, der uns immer mehr in die Enge drängte, der uns unserer Stimme berauben wollte. Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands, Band 1, 1975

Foto: Emma Haugh

Im Oktober verlässt Undisciplinary Learning den RAUM und betritt die STADT. In ortsspezifischen Performances, Gesprächen und Interventionen verbindet der Programmteil Undisciplinary Learning: STADT Originalschauplätze der Ästhetik des Widerstands, die von Transformationen, Spuren politischer Konflikte oder ephemeren Begegnungen geprägt sind, mit aktuellen emanzipatorischen Topographien.

2. Oktober, 14–17h
... Über die Pflugstrasse

Gespräche und Performances mit EXIT Deutschland e.V., Alicia Frankovich, Achim Lengerer im Rahmen des HAU-Festivals Die Ästhetik des Widerstands. Peter Weiss 100. Gespräche in deutscher Sprache mit Flüsterübersetzung ins Englische

Treffpunkt 14 h: Pflugstrasse 7

Einst Schauplatz gewaltvoller Straßenkämpfe zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten, ist die Pflugstraße den Protagonisten der Ästhetik des Widerstands sowohl ein Ort politischen Lernens wie auch intimer Verständigung. Mit einer Performance von Alicia Frankovich, einer öffentlichen Leseprobe von Achim Lengerer und Gesprächen mit EXIT Deutschland befragt das ortspezifische Programm die Aktualität des Widerstandsbegriffs aus künstlerischer und aktivistischer Sicht.

Die Künstlerin Alicia Frankovich verhandelt in ihrer anlässlich von Undisciplinary Learning entwickelten Performance Shine Theory gesellschaftliche Kräfteverhältnisse und die Entwicklung staatlicher sowie individueller (Selbst-)Verteidigungstechniken. In Auseinandersetzung mit Ausdrucksformen feministischen Widerstands in gegenwärtigen urbanen Umfeldern und einer posthumanen und queeren Perspektive geht es in Shine Theory um die ermächtigte Subjektivität und Unterschiedlichkeit von Körpern innerhalb von kollektiven Konstellationen. Aus unterschiedlichen Quellen und Zeitlichkeiten versammelt die auf der Straße angesiedelte Performance Gesten, Situationen und Beziehungen in einer lebenden Skulptur. Die Gruppe professioneller und nicht-professioneller Tänzer*innen formiert sich in sequenziellen choreografischen Passagen zu immer neuen Zusammenschlüssen und lotet in gewagten körperlicher Behauptungen pluralistische Modi des sich zueinander Verhaltens aus. In Interaktion mit den Verfasstheiten der Teilnehmer*innen verschränken sich urbane Sedimente erlebter Geschichte, Gruppenstrategien für positiven Widerstand und Selbstbehauptung und verkörperte Vorstellungen zukünftiger Möglichkeiten des Miteinander Seins in einem Netz physischer Beziehungen.

In einer neuen ortspezifischen Weiterentwicklung seines Langzeitprojekts Proben zu Peter Weiss \ The Trotsky Rehearsals lädt Achim Lengerer das Publikum ein, sich mit der politischen Wirkungs-und Funktionsweisen von Sprache und Text auseinanderzusetzen. Neben Materialen aus Lengerers Recherchen zu Weiss’ Theaterstück Trotzki im Exil (1970), dessen literarisch-politische Reaktionen innerhalb der verschiedenen Linken in beiden Teilen Deutschlands Weiss zum Schreiben der Ästhetik des Widerstands führten, geht die „Öffentliche Leseprobe“ mit Texten von Aussteiger*innen aus der neofaschistischen Szene aus dem Archiv von Exit Deutschland um. Lengers Öffentliche Leseproben sind Anlass für eine kollektive, performative Praxis der Annäherung an Fragmente und Politiken, die auf linke Lesegruppen der Ästhetik des Widerstands verweist. In der Pflugstrasse wird auch der 1981 als Radiofeature entstandene Text Von der Zärtlichkeit menschlichen Lernens von der Härte menschlichen Hoffens von Christian Geissler, der in jener Zeit mit den Inhaftierten der RAF einen Briefaustausch zur Ästhetik des Widerstands führte, zur Lektüre und Diskussion vorgeschlagen.

EXIT Deutschland ist eine 2000 in Berlin gegründete Initiative, die Menschen hilft, die mit dem Rechtsextremismus brechen und sich ein neues Leben aufbauen wollen Ausgehend von Werten wie persönlicher Freiheit und Würde setzen sich die Mitarbeiter*innen mit der Vorstellungswelt und dem Verhalten von Rechtsextremist*innen auseinander. EXIT-Deutschland arbeitet politisch und fachlich überparteilich und unabhängig von staatlichen Stellen und Polizei, Verfassungsschutz und Justiz. Im Gespräch stellt Fabian Wichmann die Arbeit von EXIT Deutschland vor und gibt Einblick in die Weltsicht ehemaliger Rechtsextremist*innen, sowie in die Schwierigkeiten, die mit einem Ausstieg aus der rechtsextremen Szene verbunden sind.